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Bläserinnen und Bläser aus fünf Posaunenchören links und rechts des Rheins fahren gemeinsam nach Dresden

NIERSTEIN / WESTHOFEN / GIMBSHEIM / RAUNHEIM / LEEHEIM.

Bläserklänge an jeder Ecke, an der Elbe, im Stadion, Posaunenkoffer in der Straßenbahn, Trompetenrucksack im Bus – Posaunenchöre gehören von Anfang an – seit 62 Jahren also – zu den Kirchentagen dazu. Wie so vieles sorgt auch ihre Zahl in Dresden für einen Rekord: Mehr als 6 000 Blechbläser aus allen Teilen Deutschlands sind dabei. Mittendrin eine Gruppe mit rund 35 Bläsern aus den evangelischen Posaunenchören Westhofen, Gimbsheim, Raunheim und Leeheim sowie dem CVJM-Posaunenchor Nierstein.

„Evangelischer Kirchentag ohne Posaunenchöre geht gar nicht“, sagt Volker Seip aus Raunheim, der als Quartiermeister die Gruppe in der Mittelschule Weinböhla zusammenhält. „Wir Bläser sind schließlich Gottes mobiles Einsatzkommando.“ Und so freuen sich die Musiker, als bei ihrem ersten Einsatz am Postplatz, direkt gegenüber dem Zwinger, die Menschen stehen bleiben, ihre Kirchentags-Liederbücher aufschlagen und mitsingen. Rainer Seip, Dirigent des Gemeinschaftschores, sagt den Umstehenden die Liednummern an und führt nach der Intonation auch schon mal mit kräftiger Stimme in die Melodie ein. Zum zweiten Einsatz packten die Hessen und Rheinhessen gestern ihre Instrumente auf dem Wiener Platz direkt vor dem Hauptbahnhof aus.

Rudolf-Harbig-Stadion, irgendwo kurz unter dem Tribünendach – die Fußball-Arena von Dynamo Dresden ist mit 20 000 Sitzplätzen etwa so groß wie das Mainzer Bruchwegstadion. Wo sonst die Fans jubeln oder leiden, füllen nun 3 000 Musiker die Tribüne im Block D. Probe für den großen Schlussgottesdienst am Sonntag. „Nicht nach Gehör spielen!“, fordert der winzige Dirigent unten auf dem Rasen die Bläser auf. Der Gesamtklang funktioniert nur, wenn alle auf den Mann am Notenpult in mehreren hundert Metern Entfernung schauen. Und tatsächlich, da werden Sechzehntel-Punktierungen herausgearbeitet, Staccato-Passagen geübt – den Unterschied hört man auch bei 3 000 Instrumenten. Auf der Tribüne ist es eng, für die Posaunisten heißt es Zug festhalten, und manch einem wird schwindelig in dieser Höhe. Und doch ist es ein erhebendes Gefühl, Teil dieses Riesen-Chores zu sein. Und etwa Kirchentags-Geschäftsführer Hartwig Bodmann spontan den Bach-Choral „Nun danket alle Gott“ als Geburtstagsständchen entgegenzuschmettern.

Doch dann kann das Instrument auch mal bei der Aufbewahrungsstelle im Hauptbahnhof zwischengelagert werden, denn natürlich bleibt noch genug Zeit, das übrige Kirchentagsprogramm zu genießen. Die einen zieht es zu den politischen Vorträgen mit großen Namen, die anderen ins Kabarett mit dem „weiß-blauen Beffchen“. Während die Raunheimer, die mit zahlreichen 14- bis 16-Jährigen den jüngsten Altersdurchschnitt der Gruppe haben, am Donnerstagabend das große Wise-Guys-Konzert genießen, sitzen die Niersteiner am Neustädter Elbufer und lauschen einer Open-Air-Aufführung von Mendelssohns Paulus-Oratorium mit mehreren sächsischen Kantoreien und einer Filminstallation auf Großleinwand – im Hintergrund die grandiose Altstadt-Kulisse, die in der Dämmerung einen ganz besonderen Zauber entfaltet.

Nach einem langen Tag zwischen Frauenkirche, Zwinger und Elbe sinken die Kirchentagsbesucher schließlich kreuzlahm und ermattet auf die Schlafsäcke. „Die Übernachtung im Klassensaal mit Isomatte und Schlafsack gehört zum Kirchentag einfach dazu“, meint Alexandra Behrendt aus Nierstein, und auch Manfred Muth aus Gimbsheim möchte es nicht anders haben – auch wenn morgens um sechs der Rasierer surrt oder die Dusche mal wieder besetzt ist. „Die Räume sind sauber, das Essen klasse, wir haben eine richtig nette Schule erwischt, sagt Quartiermeister Volker Seip. Die Stimmung ist entsprechend top. Übrigens auch in den Privatquartieren, ebenso wie die Schule in Weinböhla, dem Haimatort übrigens von Schauspieler Peter Sodann. Angelika Schmitt aus Nierstein freut sich über den liebevoll gedeckten Frühstückstisch im Erker mit Blick auf das liebevoll gepflegte Gärtchen der Gastgeberin. Gabi Fritz und Birgitt Steinfurth-Aumann aus Westhofen schwärmen von einem alten Bauernhof, den ihre Gastgeberin zu einem schmucken kleinen Antiquariat ausgebaut hat.

Warum sie immer wieder zum Kirchentag fahren? „Diese fünf gemeinsam erlebten Tage, dieses große Glaubensfest – das gibt wieder Kraft für die nächsten zwei Jahre“, bringt es der Raunheimer Volker Seip auf den Punkt. 2013? Geht's nach Hamburg!

Christine Bausch

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