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Borkum im August 2005: von allem etwas

Schlechtes Wetter gibt es nicht, es gibt nur unpassende Kleidung.
Und eine hinderliche mentale Einstellung:

während der 34°C-Phase dieses Sommers hatte ich die Reisetaschen für meinen Borkum-Aufenthalt gepackt: viel zu viele dünne Hemdchen und nicht ausreichend Langärmliges. Trotzdem, erfroren bin ich nicht in diesen 14 Tagen Inselaufenthalt. Ich brauchte lediglich zwei, drei Tage, bis ich mich an die „kühleren” Gegebenheiten gewöhnt hatte. Spätestens ab dann war diese Freizeit Freude, Erholung, Entspannung pur. Urlaub, wie er wohlfühlsamer nicht sein kann.

Er begann mit einem musikalischen Ausrufezeichen: eine Woche später angereist als der Rest der 59-köpfigen Gruppe kam ich in den Genuß einer geblasenen Begrüßung durch den Familienfreizeit-Posaunenchor. In dem Moment, in dem ich in Borkum Stadt aus der Kleinbahn stieg, tönte mir „Eine Insel mit zwei Bergen” entgegen - was auch viele Mitreisende als vermeintlichen Service der Insel-Touristik begeistert goutierten. Sie hörten danach bei Pippi Langstrumpf und anderen Hits zum (inneren) Mitsingen noch gerne zu, ehe sie in ihre jeweiligen Unterkünfte entschwanden.

Schön war's, auf dem Weg ins Haus Victoria des CVJM die von vor drei Jahren vertrauten Wege und Wegzeichen zu begrüßen und aus dem Fenster meines Zimmers den ersten Blick aufs Meer zu genießen.

Die folgenden Tage hatten ihre wohlbekannte Struktur: nach dem Frühstück eine kleine, aber feine gemeinsame Andacht, dann die bläserische Arbeitsphase am Vormittag (gleichzeitig Kinderbetreuung, damit in Familien, in denen beide Elternteile musizieren, auch beide spielen können). Die Nachmittage zur freien Verfügung, abends Blasen „Just 4 fun”.

Für mich als nichtblasende Familienangehörige bedeutete das: viel freie Zeit für Wanderungen, Fahrradfahrten kreuz und quer über die Insel (wie liebe ich das Wäldchen mit seiner Vielfalt an Vegetation!), auf der Promenade promenieren, Menschen und Landschaft betrachten, Lesen, durch die urlaubsortetypischen Läden bummeln und staunen, welcher Schnickschnack offensichtlich seine Käuferinnen und Käufer zu finden vermag. Naja, ich hab' auch selbst den einen oder anderen Euro dort gelassen - da gibt es diesen einen Laden mit Ausgefallenem aus Leinen und Seide zu bezahlbaren Preisen, und was Langärmliges zum Anziehen mußte ja auch noch her…

Nach den beiden Freizeiten in Lechbruck und Schmiedeberg, die immer auch abwechslungsreiche Ausflüge in die weitere Umgebung mit sich bringen, bangte ich im Vorfeld ein wenig, ob ich mich nicht auf der Insel nach kurzer Zeit langweilen würde. Ein vollkommen überflüssiges Bangen. Mindestens morgens und abends und manchmal auch noch nach dem Mittagessen war ich am Wasser entlang ausführlich unterwegs, und jedes Mal war irgend etwas anders als beim letzten Spaziergang, nicht nur aufgrund des immer wechselnden Wasserstandes. Es sind bei dieser Art Urlaub nicht die großen Dinge, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eher sind es Mikro-Veränderungen, die zu beobachten Freude macht. Wie zum Beispiel die Lebewesen im und am Rande des Wassers, wie zum Beispiel die Muscheln, lebende und leere, die im nassen Sand liegen, wie zum Beispiel das in jedem Ebbe-Flut-Zyklus anders wirkende große Priel auf dem Weg zur Seehundsbank.

Seehundsbank? Was'n das? Ganz einfach: auf Borkum haben die Urlauberinnen und Urlauber die seltene Gelegenheit, eine ganze Seehund-Kolonie von Angesicht zu Angesicht zu betrachten. Zwischen dem Haus Victoria und der Ruhezone der Seehunde auf einer großen Sandbank liegen nicht mehr als ein etwa halbstündiger Spaziergang entlang des Flutsaumes und eine Schutzabsperrung, die die Tiere vor allzu neugierigen Menschen bewahrt.

Die Bläserinnen und Bläser hatten ein interessantes Programm und viele Auftritte:

  • An allen drei Mittwochvormittagen eine ökumenische Strandandacht auf der Promenade, gehalten vom reformierten Pastor Carsten Wittwer, vom katholischen Pfarrer Ingo Pohl, vom lutherischen Kur-Pastor Friedrich Seifert aus Nördlingen.
  • Musikalische Mitgestaltung des lutherischen Gottesdienstes am dritten Freizeit-Sonntag.
  • Gemeinsame Proben und Musizieren mit dem Borkumer Posaunenchor im Gottesdienst der reformierten Gemeinde sowie bei deren Gemeindefest. Was den bereits während der vergangenen Borkumaufenthalte gewachsenen Kontakt mit den Borkumer Bläserinnen und Bläsern weiter vertiefte.
  • Auftritt mit den Borkumerinnen und Borkumern beim Gemeinde- und Patronatsfest der katholischen Gemeinde „Maria Meeresstern”.
  • Zwei gut besuchte Open-Air-Konzerte „Inselmusik” vor dem Leuchtturm.
    Hier war ausgemachte Sache, daß das zweite dieser Konzerte zu Gunsten der Freiwilligen Feuerwehr Borkum gespielt wurde; als Blickfang stand ein Feuerwehr-Bulli am Konzert-Ort. Die mit einem zur Sammelbüchse umgebauten Feuerwehrhelm unter den Zuhörenden herumgehenden Freizeitfamilien-Kinder konnten dem mitblasenden Leiter des Feuerwehrmusikzuges Tönjes Akkermann am Ende rund 180,00 € überbringen.
Was ist das nun wieder für eine Geschichte? Eine Borkumer Besonderheit, die mich persönlich schon beeindruckt. Tönjes Akkermann leitet sowohl den Borkumer Posaunenchor als auch den Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr, und einige der Bläserinnen und Bläser sind Mitglied sowohl im einen als auch im anderen - eine musikalische Spannweite, die meinem Eindruck nach befruchtend für beide Arbeitsfelder wirkt. Und für die Spielfreude sowieso.

Auch bei den Bläserinnen und Bläsern der Posaunenchorfreizeit. So kam es, daß einige von Ihnen gerne der Einladung zum mitmusizieren bei den Auftritten des Musikzuges der FFW in der zweiten und dritten Freizeit-Woche folgten: beim Tag der Offenen Tür der Borkumer Kleinbahn, beim Laternenumzug durch die Fußgängerzone mit anschließendem Platzkonzert und bei der Eröffnung des neuen Wellness-Hallenbades „Gezeitenland”. Horizonterweiterung nicht nur, was Repertoire und Professionalität betrifft.

Und noch eine typisch Borkumer Erfahrung: durch die vielen öffentlichen Auftritte und die Tatsache, daß man sich immer wieder über den Weg läuft, konnte es schon passieren, daß Menschen im Café oder auch einfach unterwegs einzelne aus der Gruppe ansprachen: sie seien doch auch jemand von den Bläsern. Man/frau habe sie gestern bei der Andacht (oder vor dem Leuchtturm oder im Gottesdienst…) spielen gehört. Das sei ziemlich schön gewesen. Wann und wo sie denn noch mal zu hören seien?…

Und außerdem?

  • Konzertbesuche an manchen Abenden:
    Hohenlohe Brass spielte schwungvoll und begeisternd in der reformierten Kirche.
    Detlef Steffenhagen (bis 1999 Kirchenmusiker an der Johanniskirche in Frankfurt am Main-Bornheim, jetzt in Curitiba/Brasilien lebend und lehrend) spielte mit seinem Programm „Organ goes Cinema” Stücke, die in der einen oder anderen Weise zu Film-Musik geworden sind und entlockte der nicht wirklich romantischen Orgel der Lutherischen Christuskirche eine temperamentvolle, geschickt registrierte Klangfülle, der zu lauschen Vergnügen machte und Lust auf mehr. Es war eines jener Konzerte, die immer zu früh zu Ende sind - wie lange sie in objektiv gemessener Zeit auch gedauert haben mögen.
    Die Insel-Dixieland-Band (u.a. Siggi Addens am Schlagzeug; Ernst Addens, Trompete; Tönjes Akkermann an der Posaune) Open-Air im Upholm-Hof - ein weiterer vergnüglicher, musikgenußreicher Abend. Wieder machte mir - wie schon bei den Auftritten des Feuerwehrmusikzuges - der Schlagzeuger besonderes Pläsier (meine Jahre an der Seite eines Jazz-Percussionisten haben ihre Spuren im Aufmerksamkeitsraster hinterlassen…). Völlig unprätentiös entspannt hinter seiner „Batterie” sitzend, mit eleganten, ökonomischen Bewegungen und ohne jede Show bringt er sein Feuerwerk an Sounds zu Gehör und ist jederzeit zuverlässig tragender Partner seiner Mitmusiker.
  • Die Schiffchen-Fahrt um den Süden und Westen der Insel mit exemplarischem Krabbenfischen, Krabbenpulen, Krabbenschnabulieren und meeresbiologischen Informationen zu Fang und Beifang. Begeisterte kleine und große und ganz große Kinder, vor allem, weil ein bißchen Wind war und das Schiff wenigstens mal schaukelte (was die großen Fähren soooo selten tun)
  • Für manche aus der Gruppe eine Wattwanderung.
  • Eine Planwagenfahrt über die Insel.
Ganz am Schluß noch einmal eine gemeinsame Probe mit dem Borkumer Posaunenchor, je zur Hälfte gehalten von Tönjes Akkermann und LPW Johannes Kunkel, Ouvertüre zum gemeinsamen Abschlußabend unserer Freizeit. Das Miteinander war herzlich, die Gespräche angeregt. Mit meiner ewigen Wißbegier fragte ich der einen oder dem anderen fast Löcher in den Bauch, lernte nicht nur ein paar Menschen ein wenig kennen, sondern erfuhr auch manches über die Insel und das Leben dort, das meinen Wunsch, bald wieder nach Borkum zu reisen, nur noch intensiver werden ließ.

Ach ja, und der „richtige” Sommer kam natürlich auch noch zurück. Ein paar echte Strandtage gehören eben dazu: mit einer Sonnenintensität, die mich nötigte, am Folgetag Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 60 aufzutragen, mit einem plätschernden, fast brandungslosen Meer, das sich in Blitzesschnelle auf Wassertemperatur 20° erwärmte, mit einer Tagestemperatur, die übergangslos mediterrane Siesta-Bräuche einforderte.

Diese 14 Tage waren eine runde Sache: Freude, Erholung, Entspannung pur.
Urlaub, wie er wohlfühlsamer nicht sein kann.

Daniela Stein